„Tröste Deinen Hund nicht, sonst verstärkst Du seine Angst.“
Diesen Satz hört man leider noch immer. Dahinter steckt wohl die Vorstellung, dass Zuwendung wie eine Belohnung wirkt und der Hund deshalb „mehr Angst“ bekommt.
So funktioniert Angst aber nicht. Angst ist eine Emotion.
(Ein komplexer psychophysiologischer Zustand, der aus der Verarbeitung und Bewertung einer tatsächlichen oder potenziellen Bedrohung entsteht. Diese Verarbeitung muss nicht bewusst erfolgen: Bedrohungsrelevante Reize können sehr schnelle, automatische Reaktionen auslösen. Neurobiologisch ist daran ein Netzwerk verschiedener Hirnregionen beteiligt, darunter Amygdala, Hippocampus und präfrontaler Cortex, die unter anderem an Bedrohungsverarbeitung, kontextueller Einordnung und Regulation beteiligt sind.)
Emotionen selbst werden nicht im operanten Sinn „verstärkt“ oder „belohnt“, sondern erfüllen eine funktionale Rolle in der Verhaltenssteuerung und können durch Lernen und Erfahrung in ihrer Auslösung und Intensität beeinflusst werden. Streicheln, Nähe oder Schutz „belohnen“ also nicht die Emotion Angst. Sie können aber beeinflussen, wie ein Hund eine belastende Situation erlebt und wie er damit umgeht.
Das bedeutet übrigens nicht, dass Angst nicht stärker werden kann. Wenn Dein Hund bereits Angst hat und eine Situation tatsächlich noch bedrohlicher wird, kann natürlich auch seine Angst zunehmen. Erfahrungen können zudem beeinflussen, wie er ähnliche Situationen zukünftig verarbeitet und wie er dann darauf reagiert. Das ist aber etwas ganz anderes als operante Verstärkung.
Was tatsächlich verstärkt werden kann, ist Verhalten. In unserem Beispiel kann genau das etwas sehr Erwünschtes sein.
Wenn wir mit einem Hund an Verhalten arbeiten, welches für uns belastend ist und für den Hund belastende Ursachen hat, möchten wir ihm in der Regel andere, hilfreiche Verhaltensstrategien ermöglichen.
Stell Dir also vor, Dein Hund erschrickt sich und kommt zu Dir. Du gehst in die Hocke, er sucht Körperkontakt und fühlt sich dadurch sicherer.
Nähe suchen = Erleichterung.
Wenn Dein Hund erlebt, dass ihm dieses Verhalten Erleichterung verschafft, kann das Nähe-Suchen in vergleichbaren Situationen zukünftig wahrscheinlicher werden. Lerntheoretisch kann hier Verstärkung stattfinden. Und das darf sie auch, denn meistens wünschen wir uns ja genau das.
Sich bei einer vertrauten Person Unterstützung zu holen, kann eine hilfreiche und erwünschte Strategie im Umgang mit Angst sein. Dein Hund muss eine belastende Situation nicht allein bewältigen.
Dazu passt auch, was wir aus der Forschung zur Hund-Mensch-Beziehung kennen. Bezugspersonen können für Hunde die Funktion einer „Secure Base“, also einer sicheren Basis, übernehmen. Ihre Anwesenheit kann beeinflussen, wie Hunde mit ihrer Umwelt interagieren, explorieren und sich mit Herausforderungen auseinandersetzen.
Ein weiterer passender Begriff ist „Social Buffering“. Die Anwesenheit oder Unterstützung eines Sozialpartners kann die Reaktion auf einen Stressor abpuffern. Bei Hunden wurden solche Effekte sowohl auf Verhaltensebene als auch anhand physiologischer Stressparameter untersucht.
Das bedeutet nicht, dass jede Form von Nähe für jeden Hund in jeder Situation hilfreich ist. Manche Hunde suchen Körperkontakt, andere möchten vor allem bei ihrem Menschen bleiben oder brauchen Unterstützung dabei, Distanz zu einem Auslöser herzustellen. Wir schauen also, was der einzelne Hund in diesem individuellen Moment als hilfreich erlebt.
Die Unterscheidung zwischen Emotion und Verhalten bleibt aber immer wichtig.
Angst ist durchaus lern- und veränderbar. Sie wird aber nicht im operanten Sinn verstärkt, weil Du Deinen Hund streichelst, ihm Nähe anbietest oder ihn schützt.
Wenn Dein Hund soziale Unterstützung sucht, gib sie ihm bitte. Dabei kann er etwas wahnsinnig Wertvolles lernen. „Wenn ich Angst habe, kann ich mich an meine Bezugsperson wenden.“
Hinweis: Dieser Beitrag stellt einen vereinfachten Ausschnitt eines komplexen Themenfeldes dar. Wissenschaftliche Zusammenhänge werden dabei bewusst auf die für diesen Beitrag relevanten Aspekte reduziert und können im Rahmen eines Kurzbeitrags nicht vollständig abgebildet werden.
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