Wenn wir Menschen entscheiden müssen, ob wir die kleinere oder die größere Portion wollen, fällt uns das meist leicht. Für uns ist „mehr“ oft automatisch „besser“. Doch wer mit Hunden lebt, bemerkt schnell, dass diese Logik nicht immer aufgeht. Ein Hund, der zwei unterschiedliche Futterportionen sieht, steuert manchmal die kleinere an. Ein Hund, der mehrere Spielzeuge zur Auswahl hat, wählt nicht unbedingt das große, neue oder spektakuläre, sondern das unscheinbare, alte, zerkaute.

Solche Situationen wirken auf uns zunächst unlogisch. Doch häufig zeigen sie etwas Wichtiges, nämlich, dass sie die Welt anders sortieren als wir. Und was sie als „mehr“ oder „weniger“ wahrnehmen, hat nicht nur mit Mengen zu tun, sondern mit Bedeutung.

Eine wissenschaftliche Untersuchung zur Mengenwahrnehmung bei Hunden liefert einen interessanten Einstieg in dieses Thema. Sie erklärt das Thema nicht vollständig. Sie passt aber zu dem, was viele Hundehalter*innen im Alltag beobachten.

Wie gut erkennen Hunde „mehr“?

Die Studie, die diese Frage untersucht hat, zeigt ein differenziertes Bild. Hunde können Unterschiede zwischen Mengen wahrnehmen. Wie gut ihnen das jedoch gelingt, hängt stark davon ab, wie die Situation aufgebaut ist und was ihnen wichtig ist.

Als Hunden unterschiedlich viele Futterstücke nacheinander in zwei Schüsseln gezeigt wurden, konnten sie meist nur sicher zwischen „etwas“ und „nichts“ unterscheiden.

Sobald beide Schüsseln nacheinander Futter enthielten, fiel ihnen der Vergleich schwerer. Die Forschenden vermuteten, dass die Hunde sich in diesem Versuchsaufbau weniger auf die Futtermenge konzentrierten, sondern stärker auf die vielen anderen Reize um sie herum.

Ein zweites Experiment zeigte ein anderes Bild. Eine Hündin namens Sedona konnte Mengen deutlich besser unterscheiden, als die Reize klarer strukturiert waren. Zwei Mengen geometrischer Formen wurden gleichzeitig präsentiert, Menschen waren dabei nicht im Blickfeld. Je größer der Unterschied zwischen den Mengen war, desto sicherer traf sie ihre Wahl. Diese Leistung entsprach dabei den typischen Effekten des sogenannten approximate number system (ANS), einer evolutionär alten Form der Mengenverarbeitung, wie man sie auch bei Primaten oder Kleinkindern findet.

Was lässt sich daraus ableiten?

Hunde können Mengen und Mengenunterschiede sehr wohl erkennen. Aber die Relevanz eines Unterschiedes hängt stark davon ab, welche Reize für sie in diesem Moment wirklich bedeutend sind und wie sie diese bewerten.

„Mehr“ ist nicht automatisch ein Verstärker

Hier wird der Praxisbezug besonders deutlich. Im Training sprechen wir häufig von Verstärkern. Ein Verstärker soll Verhalten lohnend und dadurch häufiger machen. In der Theorie klingt das klar. In der Praxis bedeutet es jedoch, dass ein Verstärker nur verstärkt, wenn der Hund ihn in diesem Moment als lohnend empfindet.

Die Menge eines Verstärkers, ob ein großer oder kleiner Keks, Futter allgemein, Spiel oder Spielzeug, sagt wenig darüber aus, wie wertvoll dies für den Hund ist. Entscheidend ist:

• Ist das Futter für den Hund in dieser Situation wirklich attraktiv?

• Ist das Futter überhaupt der passende Verstärker für meinen Hund oder diese Situation?

• Sind Gerüche, der Mensch, Bewegungen oder andere Tiere im Umfeld für ihn möglicherweise relevanter als das Futter/der Verstärker?

• Ist der Hund in dieser Situation überhaupt aufnahmefähig?

• Ist die Situation so klar, dass der Hund wahrnimmt, wofür er verstärkt wird?

• Passt der Verstärker zur Persönlichkeit und zum Stresslevel des Hundes?

Ein Hund, der zwei Futteroptionen sieht, entscheidet sich also nicht automatisch für „mehr“. Er entscheidet nach dem, was in diesem Moment wichtiger für ihn ist. Das kann die Interaktion mit der Bezugsperson sein, ein Spielzeug oder auch die kleinere Portion, die möglicherweise etwas anderes enthält, vertrauter riecht, leichter erreichbar ist oder weniger Aufregung erzeugt.

Was bedeutet das für den Alltag und das Training?

Für uns im Training bedeutet das:

Wir müssen herausfinden, was der individuelle Hund als Verstärker erlebt, nicht unbedingt das, was wir dafür halten.

  • Wir schaffen klarere Situationen: Je ruhiger und übersichtlicher die Aufgabe, desto leichter erkennt der Hund die Unterschiede zwischen Optionen.
  • Wir passen Verstärker an den Hund an: Ein Verstärker ist kein fester Wert, sondern ein Gefühl. Was gestern toll war, kann heute irrelevant sein. Wir passen uns an.
  • Wir beachten emotionale und soziale Faktoren: Wenn ein Hund aufgeregt, verunsichert oder stark auf den Menschen fixiert ist, verliert die Menge schnell an Bedeutung. Daraus entsteht kein Fehlverhalten, sondern eine nachvollziehbare Prioritätensetzung.
  • Wir interpretieren Entscheidungen als Hinweis: Wenn ein Hund die vermeintlich weniger attraktive Option wählt, zeigt er, was ihm wirklich wichtig ist. Das ist eine wertvolle Information.
  • Wir arbeiten bedürfnisorientiert: Indem wir sehen, worauf der Hund reagiert und wie er seine Welt sortiert, gestalten wir ein Training, das für ihn verständlich und hilfreich ist.

Fazit

Hunde können Mengen sicher unterscheiden, wenn die Bedingungen es zulassen.
Die Ergebnisse beziehen sich auf diese spezifischen Versuchsbedingungen. Sie liefern Hinweise, keine allgemeinen Gesetzmäßigkeiten.

Wie zuverlässig Hunde Mengen in „mehr“ oder „weniger“ einschätzen, hängt auch nicht allein von ihrer Wahrnehmungsfähigkeit ab, sondern von vielen anderen Faktoren, wie ihrer individuellen Persönlichkeit, ihrem emotionalen Zustand, der Klarheit der Situation und der Bedeutung der aktuell wirkenden Reize.

In Alltagssituationen zählt für Hunde daher meist etwas anderes: Sicherheit, Vertrautheit, emotionale Stabilität, der Mensch, die Umgebung oder das Gefühl von Selbstwirksamkeit und eine Aufgabe verstehen zu können.
Wir sollten nicht davon ausgehen, dass ein für uns „großer“ Verstärker automatisch mehr Wirkung hat. Wertvoll ist, was der Hund in diesem Moment tatsächlich als Verstärker erlebt.

Und auch dort beginnt ein faires, bedürfnisorientiertes und wirksames Training.


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Literatur:
Macpherson, K. & Roberts, W. A. (2013). Can dogs count? Learning and Motivation.